„Drill, baby, drill“: Ist es vorbei mit der Nachhaltigkeit, Frau Anzeletti?

04.02.2026

Nachhaltigkeit war für Unternehme in den letzten Jahren eines der Megathemen in der Kommunikation mit den Stakeholdern. Inzwischen hat man den Eindruck, Nachhaltigkeit könnte an Bedeutung verlieren, nicht nur seit die EU durch ihre OMNIBUS-Initiative die Berichterstattungspflicht ganz erheblich zurückfährt. Nachhaltigkeit taucht weniger in den Medien auf und wird seltener in den Internet-Suchmaschinen nachgefragt. Andere Themen gewinnen an Bedeutung, nicht nur durch den Politikwechsel in den USA, Stichwort: „drill, baby, drill!“ Ist Nachhaltigkeit auf dem Weg ins Aus? Fragen an die Expertin Nina Alexandra Anzeletti von der Wiener Kanzlei Schönherr.

Frau Anzeletti, teilen Sie den Eindruck, dass das Thema Nachhaltigkeit für viele Unternehmen inzwischen unter ferner liefen steht?

Eindeutig ja. Nachhaltigkeit war in den letzten Jahren das große Thema für viele Unternehmen in ihrer Außenkommunikation, das ist ganz stark zurückgegangen.

Woran liegt das?

Zum einen sicher daran, dass die Europäische Union die Nachhaltigkeitsberichtspflicht CSRD massiv zurückgefahren hat. Viel weniger Unternehmen sind jetzt davon betroffen, nur noch die großen Konzerne. Viele mittlere und kleinere Unternehmen, die vor einem Jahr noch befürchtet hatten, ebenfalls einen extrem aufwändigen Nachhaltigkeitsbericht erstellen zu müssen, haben ihre entsprechenden Aktivitäten wieder eingestellt. Zum anderen gibt es für viele Unternehmen zurzeit wichtigere, zum Teil sogar existenzielle Themen: Kosten, Nachfrage, Rohstoffversorgung.

Der Wind hat sich also gedreht?

Ja, die politische Stimmung ist eine ganz andere als noch vor einigen Jahren. Es geht heute um die Sicherheit und Souveränität von Staaten und ganz Europas. Die geopolitische Lage lässt weichere Themen eindeutig in den Hintergrund treten.

War Nachhaltigkeit für viele nur ein Lippenbekenntnis?

Nicht unbedingt. Viele der Nachhaltigkeitsthemen finden sich immer noch, wenn auch etwas versteckt unter anderen Namen, etwa Resilienz, Liefersicherheit, Ressourceneffizienz. Selbst in den Rechtsakten des Europäischen oder der nationalen Gesetzgeber werden sie anders benannt. Die öffentliche Hand in Österreich zum Beispiel verwendet seit Neuestem statt Nachhaltigkeit vermehrt den Begriff Kreislaufwirtschaft, im Sinne einer Erhöhung der Energie- und Ressourceneffizienz. Aber insgesamt haben diese Themen eine andere Flughöhe. Auf europäischer Ebene wird der Green Deal zum Clean Industrial Deal, der Name zeigt schon die veränderte Ausrichtung insgesamt.

Was ändert sich dadurch?

Schon der Name sagt, dass es in erster Linie um die Stärkung der ökonomischen Basis geht, nicht um Nachhaltigkeitsziele. Das will die EU erreichen durch die Energiepolitik, Förderung der Kreislaufwirtschaft, Schaffung von Leitmärkten für grüne Technologien, Investitionsförderung, Fachkräftesicherung handelspolitische Schutzmaßnahmen. Außerdem sollen bis Ende der Legislatur dieser Kommission die bürokratischen Lasten für alle Unternehmen um mindestens 25 % sinken, für kleine und mittlere Unternehmen sogar um 35 %.

Und das erreicht man, indem man Nachhaltigkeitsanforderungen schleift?

Nicht nur, die teilweise Rücknahme der Nachhaltigkeitsberichtsplicht CSRD, der EU-Taxonomie sowie Lieferkettensorgfaltspflichten im sogenannten Omnibus-Verfahren ist nur eines von inzwischen zehn Omnibus-Paketen, die den Aufwand für Unternehmen reduzieren helfen sollen.

Wie bewerten Sie das alles?

Bei der Nachhaltigkeitsberichtspflicht war man offenbar zu ambitioniert, sowohl was die Größe und damit die Zahl der betroffenen Unternehmen angeht als auch die Zahl der Datenpunkte, die zu berichten gewesen wären. Ein weiteres Problem war für viele mittlere und kleine Unternehmen die Wirtschaftsprüferpflicht für sämtliche Nachhaltigkeitsangaben. Jetzt unterliegen im Grunde nur noch die großen Konzerne der CSRD, und die kommen gut damit klar, für alle anderen läuft es auf den freiwilligen VSME-Standard hinaus. Der ist viel schlanker und praktikabler, und damit können die Firmen Informationsverpflichtungen gegenüber ihren Kunden vollumfänglich erfüllen. Das hat für viel Aufatmen gesorgt.

In Unternehmerkreisen vernimmt man manchmal Genugtuung bis hin zu Schadenfreude, geht Ihnen das auch so?

Ich kann diese Beobachtung teilen, ja. Wenn man die ökologischen Fakten beiseite lässt, geht es aktuell primär um die politischen Bewegungen und Sorgen der Wähler. Wir sehen einen Kulturkampf der politischen Extreme. Das jetzt als „woke“ Deklarierte soll wieder zurückdrängt werden.  Das nimmt man in der Politik wahr und schlägt sich in der stark schwankenden Regulatorik nieder.

Ist das das Ende von Nachhaltigkeit?

Ich glaube das nicht. Es ist eine extreme Pendelbewegung in die genau entgegengesetzte Richtung als vorher. Aber wenn Sie sich den neuesten Global Risk Report des World Economic Forum anschauen, dann sehen Sie zwar kurzfristig nur geopolitische Risiken für die Welt. Aber mittel- und langfristig, auf zehn Jahre gesehen, stehen da ausschließlich Nachhaltigkeitsthemen.

Und dann springen Unternehmen wieder auf den Zug auf?

Das ist mir zu kritisch formuliert. Was die Motivation der Verantwortlichen angeht, denke ich, ist das immer ein Mix aus intrinsischen Motiven und der Frage, was mehr Vorteile bringt. Es geht auch für Unternehmen nach der Maslow’schen Bedürfnispyramide: erst wenn das Überleben gesichert ist, hat man die Kapazität für anderes. Der Nutzen vieler Nachhaltigkeitsthemen für Unternehmen ist unbestritten und wird eher zu- als abnehmen: Ressourcen effizient einsetzen etwa, oder Mitarbeiter gewinnen und halten. Oder auch: Haftungsrisiken vermeiden. Was noch gar nicht angekommen ist bei Unternehmen ist die Richtlinie der EU über Umweltaussagen, etwa dass ein Produkt „klimaneutral“ hergestellt sei. Solche Aussagen sind stark reglementiert worden, ähnlich wie Aussagen über den gesundheitlichen Nutzen von Lebensmitteln. Da werden einige wohl von Abmahnungen und rechtlichen Konsequenzen überrascht werden.

Interview: Gerd Henghuber


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Mag. iur. Nina Alexandra Anzeletti BSc. LL.M. ni.anzeletti@schoenherr.eu

Die Kanzlei Schönherr

Schönherr ist eine führende Full-Service-Anwaltskanzlei, die 1950 in Österreich gegründet wurde. Schönherrs Fachkompetenz und langjährige Erfahrung im Bereich Regulatory ist weithin anerkannt. Das Team Regulatory, bestehend aus mehr als 20 Juristen, unter der Leitung von Bernd Rajal, hat durch seine breitgefächerte und bewährte Kompetenz die größten Unternehmen der Branchen Infrastruktur, Energie (Elektrizität, Öl, Gas), Abfallwirtschaft, Zellstoff, Papier, Bergbau, Stahl-industrie, Kfz-Bau, Glasindustrie, Lebensmittel, Versorgung, Unterhaltung, Pharmazie und Forschung erfolgreich beraten. Ebenso berät das Team Regulatory Interessenvertretungen und Behörden bei gesetzlichen Vorhaben und bei der Umsetzung von EU-Richtlinien. Das Team Regulatory steht für umfassende und ausgezeichnete rechtliche Beratung in allen Bereichen des Verfassungs- und Verwaltungsrechts, insbesondere im Umwelt-, Energie-, Datenschutz-, Telekommunikations-, Apotheken- und Krankenanstaltenrecht wie auch bei Privatisierungen, Public Private Partnerships und im Vergaberecht.

www.schoenherr.eu

 

Interview: Gerd Henghuber

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